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Lenin - Brief an den Parteitag / Testament

 

Lenin - Brief an den Parteitag

Lenins Brief an den Parteitag wurde später bekannt als Lenins Testament. (Vom kranken Lenin geschrieben, vom 23. bis 31. Dezember 1922.)

Brief an den Parteitag

23.12.1922

Ich empfehle sehr, auf diesem Parteitag einige Änderungen in unserem politischen Aufbau vorzunehmen.

Ich möchte Ihnen die Überlegungen übermitteln, die für mich die wichtigsten sind.

An erster Stelle rate ich, die Zahl der Mitglieder des ZK auf einige Dutzend zu erhöhen oder sogar auf hundert. Mir scheint, unserem Zentralkomitee droht große Gefahr, wenn wir so eine Reform nicht durchführen, falls sich der Fortgang der Ereignisse nicht völlig günstig für uns gestaltet (und damit müssen wir rechnen).

Weiter möchte ich dem Parteitags empfehlen, die Beschlüssen des Gosplans unter festgelegten Voraussetzungen den Charakter von Gesetzen zu verleihen, in dieser Sache also Gen. Trotzki bis zu einem gewissen Punkt und unter festgelegten Bedingungen entgegenzukommen.

Was den ersten Punkt angeht, die Erhöhung der Zahl der Mitglieder des ZK, so halte ich dies für nötig, um Auseinandersetzungen kleiner Teile des ZK keine unmäßig große Bedeutung über das Schicksal der ganzen Partei zu geben, um die Autorität des ZK zu heben und um ernsthaft an der Verbesserung unseres Apparats zu arbeiten.

Ich glaube, unsere Partei hat das Recht, von der Arbeiterklasse 50 bis 100 Mitglieder des ZK zu fordern, und kann diese auch ohne übermäßige Kraftanstrengung bekommen.

So eine Reform würde unsere Partei deutlich festigen und, umgeben von feindlichen Staaten, ihren Kampf erleichtern, der sich nach meiner Meinung in den nächsten Jahren enorm zuspitzen kann und wird. Mir scheint, unsere Partei würde durch diese Maßnahme tausendfach stabiler werden.

24. 12. 1922

Unter einem stabilem Zentralkomitee, von dem ich oben gesprochen habe, verstehe ich die Durchführung von Maßnahmen gegen eine Spaltung, soweit solche Maßnahmen überhaupt getroffen werden können. Denn der Weißgardist in der "Russkaja Misl" (es war S. F. Oldenburg, glaube ich) hatte natürlich recht, als er seine Hoffnung im Spiel dieser Leute gegen Sowjetrußland erstens auf eine Spaltung unserer Partei setzte und zweitens, in Hinsicht auf diese Spaltung, auf sehr ernste Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei setzte.

Unsere Partei ruht auf zwei Klassen, und deshalb ist Instabilität möglich und ihr Sturz nicht zu vermeiden, wenn es dazu käme, daß zwischen diesen beiden Klassen kein Übereinkommen entstehen würde. Es macht keinen Sinn, für diesen Fall die eine oder andere Maßnahme zu treffen und überhaupt von der Stabilität unseres ZK zu reden. Keine Maßnahme wird in einem solchen Fall die Spaltung verhindern können. Ich hoffe aber, dies liegt in zu ferner Zukunft und ist eine viel zu unwahrscheinliche Möglichkeit, als daß man darüber reden müßte.

Mit Stabilität meine ich eine Garantie gegen eine Spaltung in allernächster Zeit und werde hier eine Reihe von rein persönlichen Erwägungen dazu anstellen.

Ich denke, entscheidend für die Frage der Stabilität unter diesem Gesichtspunkt sind Mitglieder des ZK wie Stalin und Trotzki. Die Beziehung zwischen den beiden stellt nach meinem Erachten über die Hälfte der Gefahr der Spaltung dar, die vermieden werden kann und für deren Vermeidung nach meiner Meinung unter anderem die Erhöhung der Zahl der Mitglieder des ZK um 50 bis zu 100 Personen dienen soll.

Genosse Stalin hält, nachdem er Generalsekretär wurde, eine unermeßliche Macht in seinen Händen, und ich bin nicht überzeugt, daß er es immer verstehen wird, diese Macht vorsichtig genug anzuwenden. Auf der anderen Seite zeichnet sich Genosse Trotzki nicht nur durch hervorragende Fähigkeiten aus, wie sein Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für Verkehrswesen bereits bewiesen hat. Als Persönlichkeit ist er wohl der fähigste Mann im jetzigen ZK, aber er ist auch ein Mensch, der ein übermäßiges Selbstbewußtsein besitzt und eine übermäßige Leidenschaft für ausschließlich administrative Maßnahmen.

Diese gegensätzlichen Eigenschaften von zwei hervorragenden Führern des jetzigen ZK können unbeabsichtigt zu einer Spaltung führen und, wenn unsere Partei keine Maßnahmen ergreift dies zu verhindern, dann kann diese Spaltung überraschend da sein.

Ich will den persönlichen Charakter der anderen Mitglieder des ZK nicht weiter beurteilen. Nur erinnere ich daran, daß die Episode mit Sinowjew und Kamenew im Oktober natürlich kein Zufall war, die man ihnen aber genausosowenig als persönliche Schuld anrechnen kann wie Trotzki dessen Nichtbolschewismus.

Was die jungen Mitglieder im ZK angeht, so möchte ich ein paar Worte über Bucharin und Pjatakow verlieren. Sie sind meiner Ansicht nach die besten Kräfte (unter den jüngsten), und ihnen gegenüber sollte man das Folgende sehen: Bucharin ist nicht nur ein sehr wertvoller und bedeutender Theoretiker der Partei, er gilt auch zu Recht als Liebling der Partei, jedoch können seine Theorien nur unter großem Bedenken zu den rein marxistischen gezählt werden, denn in ihm steckt etwas scholastisches (er hat die Dialektik nie studiert und, wie ich glaube, nie ganz begriffen).

25.12.1922

Jetzt zu Pjatakow. Er ist ohne Zweifel ein Mensch mit starkem Willen und großen Fähigkeiten, hat aber einen zu starken Hang zum Administrieren und für administrative Anweisungen, so daß man sich in ernsten politischen Fragen nicht auf ihn verlassen kann.

Natürlich betreffen meine ganzen Bemerkungen nur die Gegenwart und stehen für den Fall, daß diese beiden hervorragenden und ergebenen Funktionäre keine Gelegenheit finden, ihr Wissen zu erweitern und ihre Einseitigkeit zu überwinden.

04.01.1923

Stalin ist zu grob, und dieser Makel, der zwischen uns Kommunisten durchaus zu ertragen ist, kann auf dem Posten des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Darum schlage ich den Genossen vor, zu überlegen, wie man Stalin ablösen kann, und jemanden auf diesen Posten zu setzen, der sich vom Genossen Stalin nur durch einen einzigen weiteren Vorzug unterscheidet, dadurch, daß er toleranter ist, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegenüber den Genossen und weniger launenhaft usw. Es könnte so erscheinen, als sei dieser Charakterzug eine unbedeutende Kleinigkeit. Ich glaube aber, unter der Beachtung der Vermeidung einer Spaltung und unter der Beachtung der von mir oben geschilderten Beziehungen zwischen Stalin und Trotzki ist dies keine Kleinigkeit, oder eine Kleinigkeit von der Art, die eine entscheidende Bedeutung erlangen kann.

26.12.1922

Die Steigerung der Zahl der Mitglieder des ZK auf 50 oder sogar 100 Personen soll nach meiner Ansicht einem zweifachen oder sogar dreifachen Ziel dienen: Je mehr Mitglieder das ZK hat, umso mehr Genossen werden mit der Arbeit im ZK vertraut und umso geringer wird die Gefahr einer Spaltung wegen einer beliebigen Unvorsichtigkeit sein. Das Einbinden von vielen Arbeitern in das ZK wird die Arbeiter unterstützen, unseren Apparat zu verbessern, der unter aller Kritik ist. Im Grunde wurde uns der Apparat vom alten Regime hinterlassen, denn es war einfach unmöglich, ihn in einer so kurzer Zeit umzugestalten, besonders während des Krieges, der Hungersnot usw. Darum können wir "Kritikern" ruhig antworten, die mit Spott oder boshaften Hinweisen auf die Mängel unseres Apparats hinweisen, daß sie von den Bedingungen der gegenwärtigen Revolution gar nichts begreifen. Den Apparat in fünf Jahren befriedigend umzugestalten, ist gar nicht möglich, besonders unter den Umständen, unter denen sich unsere Revolution vollzogen hat. Es reicht, daß wir innerhalb von fünf Jahren einen Staat neuen Typus geschaffen haben, in dem die Arbeiter, gefolgt von den Bauern, die Bourgeoisie angreifen. Eine gigantische Leistung, im Angesicht der internationalen Feinde um uns. Aber dieses Wissen darf uns den Blick nicht dafür verstellen, daß wir eigentlich den alten Apparat vom Zaren und von der Bourgeoisie übernommen haben und daß nun, nachdem Frieden da ist und nachdem das Minimum zur Stillung des Hungers gesichert ist, alle Arbeit darauf konzentriert werden muß, den Apparat zu verbessern.

Die Sache stelle ich mir vor, daß einige Dutzend Arbeiter, die dem ZK angehören, besser als irgend jemand sonst in der Lage sind, unseren Apparat zu durchleuchten, zu verbessern und neu aufzubauen. Die Arbeiter- und Bauerninspektion, die diese Aufgabe bewältigen sollte, war außerstande, dieser Aufgabe gerecht zu werden, und kann nur als ein "Anhängsel" oder unter bestimmten Voraussetzungen als Helferin dieser Mitglieder des ZK verwendet werden. Die Arbeiter, die dem ZK angehören sollen, sind nach meiner Ansicht möglichst nicht unter Arbeitern auszuwählen, die einen langen Sowjetdienst bereits hinter sich haben (in diesem Abschnitt meines Briefes sehe ich zu den Arbeitern überall auch die Bauern), weil unter solchen Arbeitern bereits konkrete Traditionen und Vorurteile entstanden sind, welche wir ja gerade bekämpfen wollen.

Die Mitglieder des ZK, die Arbeiter sind, sollen in erster Linie Arbeiter sein, die unter den Arbeitern stehen, die in den fünf Jahren bei uns in die Reihen der sowjetischen Angestellten aufgerückt sind, und sollen mehr zu den einfachen Arbeitern und Bauern gehören, die aber gleichzeitig weder direkt oder indirekt in die Kategorie Ausbeuter fallen dürfen. Ich glaube, solche Arbeiter, die auf allen Sitzungen des ZK anwesend sind, auf allen Sitzungen des Politbüros und die alle Dokumente des ZK lesen, können ein Fundament ergebener Anhänger der Sowjetordnung bilden, die zum einen dem ZK selber Stabilität verleihen können, und die zum zweiten wirklich für die Erneuerung und Verbesserung des Apparats arbeiten können.

 

27.12.1922

Über die Erteilung gesetzgeberischer Vollmachten auf den Gosplan

Diesen Vorschlag hat Genosse Trotzki, so scheint es mir, schon vor langer Zeit gemacht. Ich bin dagegen aufgetreten, weil ich der Meinung war, daß sich dadurch tiefe Widersprüche im Gebäude unserer gesetzgeberischen Institutionen auftun würden. Aber nach genauer Prüfung meine ich, der Gedanke hat im Grunde einen gesunden Kern, nämlich: der Gosplan steht etwas neben von unseren gesetzgeberischen Institutionen, obwohl er mit seiner Versammlung von Fachleuten, Experten, Vertretern aus Wissenschaft und Technik, eigentlich die beste Voraussetzung hat, die Dinge richtig zu beurteilen.

Stattdessen wird die Sache bisher so gesehen, daß der Gosplan dem Staat kritisch zusammengestellte Informationen zu liefern hat, während die staatlichen Stellen über die Angelegenheiten des Staates entscheiden sollen. Ich glaube, in der jetzigen Lage, wo die Angelegenheiten des Staates ungewöhnlich kompliziert geworden sind, wo mit jedem Schritt neue Fragen zu lösen sind, die Gutachten von Mitgliedern des Gosplans erforderlich machen oder nicht, oder, mehr noch, Angelegenheiten entschieden werden müssen, die nur einige Punkte aus einem Gutachten des Gosplans erfordern – ich glaube, daß man jetzt einen Schritt gehen sollte, die Kompetenzen des Gosplans auszuweiten.

Ich stelle mir diesen Schritt so vor, daß Beschlüsse des Gosplans nicht im regulären Sowjetverfahren abgelehnt werden können, sondern dafür ein besonderen Verfahren benutzen müssen, indem man zum Beispiel die Frage auf der Tagung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees vorlegt, neue Beschlüsse darüber mit einer besonderen Instruktion vorbereitet, dabei nach eigenen Regeln schriftliche Berichte verfaßt, um zu erwägen, ob der in Frage stehende Beschluß des Gosplans aufgehoben werden soll, und letztlich, indem man eigene Fristen für einen neuen Beschluß über diese Frage des Gosplans festlegt usw.

Bei diesem Anliegen, denke ich, kann und muß man auf Genossen Trotzki zugehen, nicht aber dabei, daß einer unserer politischen Führer oder der Vorsitzende des Obersten Volkswirtschaftsrates den Gosplan leiten soll. Mir kommt es vor, daß hier Prinzipien mit persönlichen Anliegen zu eng verflochten sind. Ich denke, die Vorwürfe, die wir jetzt über den Vorsitzenden des Gosplans, Genossen Krshishanowski, hören, und die Vorwürfe über seinen Stellvertreter, Genossen Pjatakow, die gegenseitig erhoben werden, so daß wir auf der einen Seite Anschuldigungen hören, wegen zu großer Nachgiebigkeit, Unselbständigkeit und Charakterlosigkeit und auf der anderen Seite wegen zu großer Schroffheit, wegen Manieren eines Feldwebels, wegen ungenügend solider Vorbildung in der Wissenschaft usw. – ich denke, diese Vorwürfe bringen zwei extrem gesteigerte Seiten der Sache zum Ausdruck, daß wir in Wahrheit im Gosplan einen klugen Austausch zweier Charaktere brauchen, wobei Pjatakow für den einen Typ als Muster dienen kann und Krshishanowski für den anderen.

Ich meine, an der Spitze des Gosplans muß ein Mann stehen, der auf der einen Seite wissenschaftlich gebildet ist, besonders in der Technik oder auf agronomischem Gebiet, und der auf der anderen Seite über eine große, über Jahrzehnte erworbene praktische Erfahrung in Technik oder Agronomie verfügt. Ich glaube, ein solcher Mann sollte kein Administrator sein, er sollte reiche Erfahrungen besitzen und die Fähigkeit, Menschen zu gewinnen.

28.12.1922

Ich stelle bei einigen von unseren Genossen, die die Fähigkeit haben, die staatlichen Angelegenheiten zu lenken, die Tendenz fest, die administrative Seite zu übertreiben, die natürlich zur rechten Zeit, am rechten Ort nötig ist, die man aber nicht verwechseln darf, mit wissenschaftlichem Herangehen, mit dem Erfassen der breiten Wirklichkeit, mit der Fähigkeit, Menschen zu gewinnen, usw.

In jeder staatlichen Institution ist die Bündelung dieser zwei Eigenschaften nötig, besonders im Gosplan, und als mir der Genosse Krshishanowski sagte, er habe Pjatakow für den Gosplan gewonnen und habe sich mit ihm über die Arbeit verständigt, erklärte ich mich damit einverstanden, hegte aber auf der einen Seite stille Zweifel, und hoffte auf der anderen Seite, daß wir damit eine Kombination aus den beiden Typen von Staatsmännern erhalten. Ob sich diese Hoffnung erfüllt, muß man jetzt abwarten und nach weiterer Erfahrung beurteilen, aber prinzipiell kann es keinen Zweifel geben, glaube ich, daß so eine Bündelung von Charakter und Typs (Menschen und Eigenschaften) für das richtige Funktionieren der staatlichen Institutionen unerläßlich ist. Ich denke, übertriebenes "Administrieren" ist hier genauso schädlich wie sowieso jede Übertreibung. Der Leiter einer staatlichen Institution muß im höchsten Grade über die Fähigkeit verfügen, Menschen zu überzeugen, und zugleich hinreichend solide wissenschaftliche und technische Kenntnisse haben, damit er ihre Arbeit kontrollieren kann. Das ist die Grundlage. Fehlt dies, kann keine richtige Arbeit geleistet werden. Anderseits ist es notwendig, daß er zu administrieren versteht und dafür einen oder mehrere geeigneten Mitarbeiter hat. Die Bündelung dieser zwei Eigenschaften in einer Person dürfte wohl kaum vorhanden sein und ist auch kaum erforderlich.

29.12.1922

Der Gosplan wird offenbar überall zu einer Expertenkommission. An der Spitze einer solchen Institution muß unbedingt jemand stehen, der große Erfahrung und vielseitige wissenschaftliche Bildung in der Technik hat. Das Administrieren darf hier, eigentlich, nur eine Säule sein. Eine gewisse Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Gosplans ist für die Autorität dieser wissenschaftlichen Institution unerläßlich und erfordert dafür nur eines: Gewissenhaftigkeit ihrer Mitarbeiter und ihres Bemühens, unsere Vorstellung des wirtschaftlichen und sozialen Aufbaus in die Tat umzusetzen.

Diese letzte Eigenschaft kann man im Moment natürlich nur als Ausnahme antreffen, denn die Masse der Wissenschaftler, aus denen sich der Gosplan ganz natürlich gebildet hat, ist unvermeidbar mit bürgerlichen Anschauungen und Vorurteilen infiziert. Sie deshalb zu kontrollieren, muß die Aufgabe von Personen sein, die das Präsidium des Gosplans bilden können; sie müssen Kommunisten sein und den Fortgang der Arbeit jeden Tag überprüfen, wieweit die bürgerlichen Wissenschaftler ergeben sind, sich von ihren bürgerlichen Vorurteilen trennen und allmählich auf die Seite des Sozialismus übergehen. Diese doppelte Aufgabe einer wissenschaftlichen Kontrolle zusammen mit einer rein administrativer Arbeit sollte das Ideal für den Leiter des Gosplans unserer Republik sein.

 

Ist es denn zweckmäßig, die Arbeit, die der Gosplan leisten soll, in einzelne Aufgaben zu gliedern, oder sollte man nicht umgekehrt versuchen, einen Kreis ständig anwesender Spezialisten zu schaffen, die durch das Präsidium des Gosplans ständig kontrolliert werden und alle Fragen im Bereich des Gosplans komplett lösen könnten? Ich meine, letzteres wäre sinnvoller, und man sollte versuchen, die Zahl der kurzen und eingeteilten Einzelaufgaben zu verringern.

29.12.1922

Wird die Zahl der Mitglieder des ZK erhöht, so muß man sich nach meiner Meinung auch und wahrscheinlich hauptsächlich damit beschäftigen, unseren Apparat, der überhaupt nichts taugt, zu durchleuchten und zu verbessern. Dazu brauchen wir die Dienste hochqualifizierter Spezialisten, und es muß die Aufgabe der Arbeiter- und Bauerninspektion sein, diese Spezialisten zu stellen.

Wie man die Arbeit dieser kontrollierenden Spezialisten, mit ihren ausreichenden Kenntnisse, mit der Arbeit der neuen Mitglieder des ZK verbindet – diese Aufgabe muß in der Praxis bewältigt werden.

Ich glaube, die Arbeiter- und Bauerninspektion ist (durch ihre Entwicklung und durch unser Befremden über diese Entwicklung) dorthin gelangt, wo wir sie jetzt sehen, an einem Zustand des Übergangs von einem besonderen Volkskommissariat zu eine besonderen Apparat von Mitgliedern des ZK, von einer Institution, die alle und alles kontrolliert, zu einem Gremium weniger, aber erstklassiger Revisoren, die gut bezahlt werden müssen (das ist besonders in unserem Jahrhundert wichtig, in dem für alles gezahlt werden muß, und weil die Revisoren in den Institutionen arbeiten, von denen sie am besten bezahlt werden).

Wird die Zahl der Mitglieder des ZK wie vorgeschlagen erhöht und werden diese Mitglieder jedes Jahr einen Lehrgang für Verwaltung des Staates besuchen, mit Unterstützung von solch hochqualifizierten Spezialisten und auf allen Gebieten geachteten Mitgliedern der Arbeiter- und Bauerninspektion, so werden wir, glaube ich, diese Aufgabe mit Erfolg meistern, mit der wir so lange nicht fertig wurden.

Also, noch einmal: bis zu 100 Mitglieder des ZK und nicht mehr als 400 bis 500 Helfer (Mitarbeiter der Arbeiter- und Bauerninspektion) - die im Auftrag dieser Mitglieder des ZK Revisionen durchführen.

30.12.1922

Es scheint, ich habe mir vor den Arbeitern Rußlands große Schuld auf mich geladen, weil ich mich ohne genügend Energie und Schärfe mit der ominösen Frage der Autonomie beschäftigt habe, die offiziell, wie ich glaube, bezeichnet wird als Frage der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

Im Sommer war ich krank, als diese Frage auf der Tagesordnung stand, und dann, im Herbst, hoffte ich allzu sehr auf meine Genesung und darauf, daß Oktober- und Dezemberplenum es mir möglich machen würden, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Nur konnte ich weder auf dem Oktoberplenum (in diesem Punkt) anwesend sein, noch auf dem Dezemberplenum, so daß diese Frage so gut wie ohne mich abgehandelt wurde.

Ich konnte nur mit Genossen Dserschinski sprechen, der aus dem Kaukasus kam und mir erzählte, wie es um diese Frage in Georgien steht. Auch mit Gen. Sinowjew konnte ich ein paar Worte wechseln und ihm meine Befürchtungen in dieser Frage mitteilen. Nach dem, was Genosse Dserschinski berichtete, der die Kommission leitete, die vom Zentralkomitee mit der "Untersuchung" des Zwischenfalls in Georgien beuftragt worden war, konnte ich nur die schlimmsten Befürchtungen haben. Wenn es so weit ging, daß Ordschonikidse physische Gewalt anwendete, wie mir Genosse Dserschinski berichtete, so kann man sich denken, in was für einem Sumpf wir gelandet sind. Offensichtlich war die ganze Frage der "Autonomie" von Anfang an falsch und nicht zeitgemäß.

Es wird sagt, die Geschlossenheit des Apparats wäre nötig. Woher stammt diese Behauptung? Am Ende gar aus dem russischen Apparat, den wir, wie ich schon vorher feststellte, vom Zarismus übernommen haben und nur ein wenig mit Sowjetöl eingerieben haben?

Ohne Zweifel hätten wir mit dieser Maßnahme warten sollen, bis wir hätten sagen können, daß wir uns für unseren Apparat verbürgen, wie für uns selbst. Jetzt aber müssen wir im Gegenteil sagen, wenn wir ehrlich sind, daß wir einen Apparat als unseren Apparat bezeichnen, der uns in der Realität ganz fremd ist und einen bürgerlich-zaristischem Mix repräsentiert, welches wir beim besten Willen in den fünf Jahren nicht verändern konnten, weil uns die Hilfe anderer Länder fehlte und wir uns hauptsächlich militärisch "betätigten" und gegen die Hungersnot kämpften.

Unter solchen Umständen ist es nur natürlich, daß sich die Rechtfertigung der "Freiheit des Austritts aus der Union" als ein wertloser Fetzen Papier herausstellen wird, der keinen Schutz bieten wird, für die nichtrussischen Einwohner Rußlands vor der Invasion jenes wahren Russen, des Großrussen, des Chauvinisten, ja eigentlich Schurken und Gewalttäters, wie es der typische russische Bürokrat ist. Ohne Zweifel wird der verschwindend geringe Prozentsatz sowjetischer und sowjetisierter Arbeiter in diesem Meer chauvinistischen und großrussischen Packs ertrinken wie die Fliege in der Milch.

Um diese Maßname zu verteidigen sagt man, die Volkskommissariate, die mit nationalen Befindlichkeiten und nationalem Bildungswesen direkt zu tun haben, seien ausgenommen worden. Doch da stellt sich die Frage, ob man diese Volkskommissariate ganz davon trennen kann, und, ob die Maßnahmen genügend sorgfältig getroffen haben, um die Nichtrussen nachhaltig vor dem wahren russischen Dershimorda zu schützen. Ich meine, wir haben diese Maßnahme nicht getroffen, obwohl wir dies hätten können und müssen.

Mir scheint, hier hat Stalins Eilfertigkeit eine verhängnisvolle Rolle gespielt, sein Hang zum Administrieren und seine Wut auf den ominösen "Sozialnationalismus". Nur ist Wut in der Politik gewöhnlich immer ein großes Übel.

Auch fürchte ich, daß der Genosse Dserschinski, der in den Kaukasus fuhr, um die "Verbrechen" der "Sozialnationalisten" zu untersuchen, dort auch nur eine wahre russische Gesinnung gezeigt hat (bekanntlich neigen Nichtrussen zur Übertreibung, nachdem sie russifiziert sind, was die wahre russische Gesinnung betrifft) und die Unvoreingenommenheit seiner Kommission durch Ordschonikidses "Handgreiflichkeit" deutlich charakterisiert wird. Ich meine, diese russische Handgreiflichkeit läßt sich nicht rechtfertigen, durch keine Provokation oder Beleidigung, und Genosse Dserschinski hat eine Schuld auf sich geladen, die er nicht wieder gutmachen kann, als er sich leichtfertig gegenüber Handgreiflichkeit verhielt.

Ordschonikidse vertrat gegenüber den Bürgern des Kaukasus die Staatsmacht. Ordschonikidse hatte kein Recht zu der Gereiztheit, auf die er und Dserschinski sich beriefen. Ordschonikidse hatte im Gegenteil die Pflicht, mehr Zurückhaltung an den Tag zu legen, wie dies nicht ein normaler Bürger tun muß, besonders nicht einer, der unter der Anklage eines "politischen" Verbrechens steht. Und im Grunde genommen waren die Sozialnationalisten  ja Bürger, die eines politischen Verbrechens angeklagt waren. Die Umstände konnten diese Anklage nur so erscheinen lassen und nicht anders.

Hier erhebt sich die wichtige prinzipielle Frage: Was ist der Internationalismus.

31.12.1922

Ich habe schon in meinen Schriften über die nationale Frage geschrieben, daß man die Frage des Nationalismus nicht allgemein und abstrakt stellen kann. Man muß unterscheiden zwischen dem Nationalismus einer Nation die unterdrückt und dem Nationalismus einer Nation die unterdrückt wird, zwischen dem Nationalismus einer großen Nation und dem Nationalismus einer kleinen Nation.

Was die zweite Sorte von Nationalismus angeht, so haben wir uns, als Mitglieder einer großen Nation, in der Geschichte praktisch immer unzähliger Gewalttaten schuldig gemacht, ja noch mehr, ohne es selbst zu bemerken, fügen wir dem noch unzählige Gewalttaten und Beleidigungen hinzu – ich brauche nur an meine Wolgazeit zu denken und mich daran zu erinnern, wie man bei uns Nichtrussen behandelt, wie man einen Polen nur "Polacken" nennt, jeden Tataren als "Fürsten" verspottet, den Ukrainer nur als "Chochol" ruft, alle Georgier und die Angehörigen anderer kaukasischer Stämme als "Kapkasen" verhöhnt.

Deshalb muß der Internationalismus von der Nation die unterdrückt, der sogenannten "großen" Nation darin bestehen (obwohl nur durch ihre Gewalt groß, nur in dem Sinn groß, wie ein Dershimorda groß ist), nicht nur die formale Gleichheit der Nationen zu achten, sondern auch die Ungleichheit zuzugeben, die von der unterdrückenden Nation, der großen Nation, zu der Ungleichheit führt, die sich ganz praktisch aus dem Leben ergibt. Wer dies nicht begriffen hat, der hat die echte proletarische Einstellung zur nationalen Frage nicht begriffen, der ist letztlich auf dem Niveau des Kleinbürgertums stehengeblieben und muß deshalb unweigerlich ständig den bürgerlichen Standpunkt einnehmen.

Was ist für den Proletarier wichtig? Für den Proletarier ist es nicht nur wichtig, es ist geradezu lebensnotwendig, sich von den Nichtrussen das maximale Vertrauen im proletarischen Klassenkampf zu sichern. Was ist wird dazu gebraucht? Dazu braucht man nicht nur die formale Gleichheit. Dazu muß man das Mißtrauen abbauen, den Argwohn, durch das eigene Verhalten oder durch Zugeständnisse gegenüber dem Nichtrussen, um die Kränkungen aufzuwiegen, die ihm in der Geschichtliche von der Regierung der Nation der "Großmacht" zugefügt wurden.

Ich meine, für einen Bolschewiken, für einen Kommunisten ist es überflüssig, dies noch mehr und tiefer zu erklären. Und ich bin der Ansicht, im Fall hier, in dem es um die georgische Nation geht, haben wir ein typisches Beispiel dafür, in dem eine wahre proletarische Einstellung von unserer Seite größte Vorsicht, Zuvorkommenheit und Nachgiebigkeit fordert. Ein Georgier, der diese Seite der Angelegenheit gering schätzt, der leichtfertig des "Sozialnationalismus" beschuldigt (während er selber ein echter und wahrhaftiger "Sozialnationalist" ist, ja mehr noch, ein brutaler großrussischer Dershimorda), ein solcher Georgier verletzt genaugenommen die Forderung der proletarischen Klassensolidarität, weil nichts die Entwicklung und Festigung der proletarischen Klassensolidarität so sehr bremst wie nationale Ungerechtigkeit und weil "gekränkte" nationale Minderheiten für nichts ein so feines Gespür haben wie für die Gleichheit und deren Verletzung, auch wenn der Genosse Proletarier diese Gleichheit nur aus Fahrlässigkeit verletzt, oder nur im Scherz. Darum ist in so einer Frage ein Zuviel an Entgegenkommen und Nachgiebigkeit gegenüber der nationalen Minderheit besser als ein Zuwenig. Deshalb fordert hier das fundamentale Interesse der proletarischen Solidarität und damit auch des proletarischen Klassenkampfes, daß wir in der  nationalen Frage niemals formal vorgehen, sondern immer den vorhandenen Unterschied im Verhalten des Proletariers einer unterdrückten (kleinen) Nation zum Proletarier einer unterdrückenden (großen) Nation berücksichtigen.

31.12.1922

Erstens muß man die Union der Sozialistischen Republiken erhalten und festigen; darüber darf es keinen Zweifel geben. Wir brauchen sie genauso, wie die kommunistischen Proletarier der Welt sie brauchen, für den Kampf gegen die Bourgeoisie der Welt und als Schutz gegen ihre Intrigen.

Zweitens müssen wir, was das diplomatische Korps betrifft, die Union der Sozialistischen Republiken erhalten. Nebenbei, dieser Apparat ist eine Ausnahme in unserem Staatsapparat. Wir haben dort nicht eine einzige irgendwie einflußreiche Person aus dem alten zaristischen Apparat gelassen. Der komplette, auch nur irgendwie wichtige Apparat besteht dort nur aus Kommunisten. Deshalb hat dieser Apparat bereits den Ruf erworben (das kann man sorglos sagen), eines bewährten kommunistischen Apparates, der in ungleich, bedeutend höherem Maße von den alten zaristischen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Beamten gesäubert ist, als der Apparat, mit dem wir in den anderen Volkskommissariaten auskommen müssen.

Drittens muß man den Genossen Ordschonikidse exemplarisch bestrafen (dies sage ich mit um so größerem Bedauern, als ich einer seiner persönlichen Freunde bin und im Ausland, in der Emigration mit ihm zusammengearbeitet habe) sowie das komplett Material der Kommission Dserschinskis noch einmal prüfen bzw. neu untersuchen, um die Unzahl von Fehlern und Vorurteilen zu korrigieren, die es dort ohne Zweifel gibt. Politisch dafür verantwortlich gemacht, für diese ganze wahre großrussisch-nationalistische Kampagne, müssen natürlich Stalin und Dserschinski.

Viertens muß man extrem strenge Vorschriften in unserer Union erlassen, in Hinsicht auf den Gebrauch der nationalen Sprachen in den nichtrussischen Republiken, und die Befolgung dieser Vorschriften besonders intensiv überprüfen. Ohne Zweifel werden bei uns, so wie unser Apparat heute aussieht, viele echt russische Mißbräuche um sich greifen, unter dem Vorwand einer einheitlichen Eisenbahn, eines einheitlichen Fiskus usw. Im Kampf gegen solche Mißbräuche muß man besonderes findig sein, ganz zu schweigen von der besonderen Aufrichtigkeit dener, die diesen Kampf führen. Hier wird ein kleinlicher Kodex gebraucht, den nur die Angehörigen der Nation einigermaßen sinnvoll schreiben können, die in der betreffenden Republik leben. Dabei darf man auf keinen Fall von Anfang an die Möglichkeit ausschließen, auf Grundlage dieser ganzen Arbeit auf dem nächsten Sowjetkongreß wieder einen Schritt zurück zu machen, daß man also die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nur militärisch und diplomatisch behält, in allen anderen Dingen aber die uneingeschränkte Selbständigkeit der einzelnen Volkskommissariate wiederherstellt.

Man muß bedenken, die Aufteilung der Volkskommissariate und die fehlende Koordination ihrer Arbeit mit Moskau und den anderen Zentren kann durch die Autorität der Partei wettgemacht werden, wenn von dieser Autorität auch nur einigermaßen umsichtig und unvoreingenommen Gebrauch gemacht wird. Der Schaden, der unserem Staat daraus entstehen kann, daß nationale Apparate nicht mit dem russischen Apparat vereinigt sind, ist wesentlich geringer, unendlich geringer als der Schaden, der nicht nur für uns entsteht, sondern auch für die komplette Internationale, den Hunderte Millionen zählenden Völkern Asiens, denen in nächsten Zukunft bevorsteht, nach uns auf die Bühne der Geschichte zu treten. Es wäre ein nicht zu verzeihender Opportunismus, wenn wir am Vorabend dieses Erwachens des Ostens, die Autorität untergraben würden, die wir dort haben, durch auch nur die kleinste Grobheit und Ungerechtigkeit gegenüber unseren eigenen nichtrussischen Völkern. Es ist eine Sache, uns aus der Not heraus gegen die westlichen Imperialisten zusammenzuschließen, die ihre kapitalistische Welt verteidigen. Hier gibt es keinen Zweifel, und ich brauche nicht erst zu erklären, daß ich solche Maßnahmen rückhaltlos unterstütze. Aber eine andere Sache ist es, wenn wir selber, wenn auch nur in Kleinigkeiten, in einen Imperialismus gegenüber den unterdrückten Völkerschaften treten und dadurch unsere ganze im Prinzip existierende Aufrichtigkeit, unsere ganze prinzipienfeste Unterstützung des Kampfes gegen den Imperialismus ganz untergraben. Denn der Tag morgen, wird eben ein Tag in der Weltgeschichte sein, an dem die vom Imperialismus unterdrückten Völker endgültig erwachen werden, die sich jetzt schon regen, und an dem der lange und schwere entscheidende Kampf für ihre Befreiung beginnen wird.

Lenin

Lenin - Brief an den Parteitag / Testament: Ende

 

 

 

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