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Erklärung der Matrosen von Kronstadt (Auszug)

 

Erklärung der Matrosen von Kronstadt (Auszug)

Der Krake der bolschewistischen Bürokratie erscheint den Menschen unerträglich, nicht erst unter Stalin - sondern schon unter Lenin und Trotzki.

Erklärungen der Matrosen von Kronstadt

März 1921

Erklärungen der "Aufständischen" in Kronstadt

Wofür wir kämpfen

Als die Arbeiterklasse die Oktoberrevolution zum Erfolg führte, da hoffte sie, sich zu befreien. Das Ergebnis aber war eine noch größere Versklavung des Menschen.

Die Polizeimacht des Monarchismus ging in die Hände der kommunistischen Vordrängler über, die den Werktätigen statt der Freiheit die ständige Furcht vor den Folterkammen der Tscheka brachten, deren Greuel die der Gendarmerieverwaltung des Regimes des Zaren noch um ein Vielfaches überstiegen.

Nach den vielen Kämpfen und Leiden erntete der Werktätige Sowjetrußlands nur Stiche von Bajonetten, Kugeln und grobe Anschnauzer der Opritschniki der Tscheka. Das ruhmreiche Wappen des Arbeiterstaates – Hammer und Sichel – wechselte die kommunistische Regierung in Wirklichkeit durch Bajonett und Kerkergitter aus, um der neuen Bürokratie, den kommunistischen Kommissaren und Beamten, ein ruhiges, sorgloses Leben zu garantieren.

Am schändlichsten und verbrecherischsten ist aber die moralische Versklavung durch die Kommunisten: sie machten auch vor der inneren Einstellung der Werktätigen nicht halt und zwangen sie, nur so zu denken wie sie selber denken.

Durch die staatlichen Gewerkschaften fesselten sie die Arbeiter an ihre Werkbänke, nahmen so die Freude an der Arbeit und machten die Arbeit zu einer neuen Sklaverei. Auf die Proteste der Bauern, die sich in spontanen Aufständen äußerten, und auf die Proteste der Arbeiter, die allein durch ihre Lebensbedingungen zum streiken gezwungen waren, antworteten sie mit Massenerschießungen und mit einer Blutgier, die sie sich nicht erst bei den zaristischen Generälen borgen mußten.

Das werktätige Rußland, das als erstes die rote Fahne zur Befreiung der Arbeiter erhoben hatte, wurde ganz vom Blut derjenigen überflutet, die für den Ruhm der kommunistischen Herren zu Tode gequält wurden. In diesem Meer von Blut ertränkten die Kommunisten alle großen und flammenden Verheißungen und Losungen der Arbeiterrevolution.

Immer klarer zeigte sich, was jetzt offenbar ist, nämlich daß die Russische Kommunistische Partei nicht für die Werktätigen eintritt, wie sie vorgibt. Die Interessen des werktätigen Volkes sind ihr fremd, einmal an die Macht gekommen, kennt sie nur eine Sorge, die Macht nicht wieder zu verlieren, und dafür sind alle Mittel recht: Verleumdung, Gewalt, Betrug, Mord und die Rache an den Angehörigen der Aufständischen.

Die Geduld der Werktätigen ist am Ende. Im Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt flammte hier und da im Land das Feuer des Aufstandes auf. Arbeiter streikten. Aber die bolschewistischen Spitzel schliefen nicht und ergriffen alle Maßnahmen, um die unvermeidliche Dritte Revolution zu verhindern und zu erdrücken.

Trotzdem ist diese Revolution ausgebrochen und wird mit den Händen der Werktätigen zu Ende geführt. Die kommunistischen Generäle merken, daß sich das Volk erhoben hat, in der Überzeugung, daß sie die Ideen des Sozialismus verraten haben. Aber obwohl sie für ihre Haut fürchten und wissen, daß es keinen Ort gibt, an dem sie sich vor der Wut der Werktätigen verbergen könnten, versuchen sie trotzdem mit Unterstützung ihrer Opritschniki, die Aufständischen einzuschüchtern, mit Einkerkerungen, Erschießungen und anderen Untaten. Aber das Leben unter dem Joch der kommunistischen Diktatur ist schlimmer als der Tod geworden.

Das aufgestandene arbeitende Volk hat begriffen, daß es im Kampf gegen die Kommunisten und gegen die von den Kommunisten wiederhergestellte Leibeigenschaft nicht auf halbem Wege stehenbleiben darf. Es muß den Kampf zu Ende führen. Sie täuschen mit Zugeständnissen: sie schaffen die Kontrollabteilungen im Petrograder Gebiet ab, und Ausgaben von zehn Millionen Goldrubel werden für den Kauf von Lebensmitteln im Ausland bewilligt. Aber man täusche sich nicht: nach diesem Köder kommt die eiserne Faust des Herren, des Diktators, der nur darauf wartet, daß wieder Ruhe einkehrt, um für seine Zugeständnisse hundertfach Vergeltung zu fordern.

Nein, es gibt keinen Mittelweg. Siegen oder sterben! Das Rote Kronstadt, der Schrecken der Konterrevolutionäre von rechts und links, ist dafür ein Beispiel.

Hier gab es eine neue große revolutionäre Umwälzung. Hier wurde das Banner des Aufstandes aufgenommen, für die Befreiung von der nun schon drei Jahre dauernden Gewaltherrschaft der Kommunisten, die drei Jahrhunderte Joch der Monarchie verblassen ließ.

Hier in Kronstadt wurde der Grundstein für die Dritte Revolution gelegt, die von den werktätigen Massen die letzten Ketten nehmen und zertrümmern wird und die einen neuen breiten Weg pflastern wird, für die schöpferische Tätigkeit im Geist des Sozialismus.

Diese neue Revolution wird auch die Massen der Werktätigen in Ost und West aufrütteln, da sie ein Beispiel für den sozialistischen Aufbau geben wird, als Gegensatz zum bürokratischen, kommunistischen "Aufbau". Sie wird die Massen der Werktätigen im Ausland durch Augenschein davon überzeugen, daß es kein Sozialismus war, was bei uns bisher im Namen der Arbeiter und Bauern aufgebaut wurde.

Ohne einen Schuß, ohne Blut zu vergießen wurde der erste Schritt gegangen. Die Werktätigen haben es nicht nötig, Blut zu vergießen. Sie werden nur Blut vergießen, wenn sie sich verteidigen müssen. Trotz der empörenden Taten der Kommunisten haben wir die Selbstbeherrschung, um uns darauf zu beschränken, sie aus dem öffentlichen Leben zu drängen, damit sie nicht durch ihre böswillige, verlogene Agitation die revolutionäre Arbeit behindern.

Die Arbeiter und Bauern gehen unaufhaltsam voran, sie lassen die Konstituante mit ihrer bürgerlichen Ordnung ebenso hinter sich wie die Diktatur der kommunistischen Partei mit ihrer Tscheka und ihrem Staatskapitalismus, die sich wie eine tödliche Schlinge um den Hals der Werktätigen legten und die Werktätigen zu erwürgen drohte.

Die jetzige Umwälzung macht es für die Werktätigen möglich, endlich Sowjets frei zu wählen, die ohne Druck von einer Partei arbeiten, und die staatlichen Gewerkschaften neu zu gestalten, in eine freie Vereinigungen der Arbeiter, der Bauern und der schaffenden Intelligenz. Der Polizeiknüppel der kommunistischen Zaren ist endlich gebrochen.

An die Genossen Arbeiter und Bauern!

Für die Befreiung der Arbeiter und Bauern hat Kronstadt den heroischen Kampf gegen die verhaßte bolschewistische Regierung begonnen.

Aber nicht als erster hat es teures Bruderblut vergossen.

Unsere Feinde betrügen euch. Sie behaupten, der Aufstand in Kronstadt wäre von Menschewiki organisiert, von Sozialrevolutionären, Agenten der Entente und zaristischen Generälen. Die führende Rolle spielt dabei angeblich Paris. Unsinn! Unser Aufstand wurde so wenig in Paris geschaffen wie der Mond in Berlin. Dies alles sind unverschämte Lügen.

Was jetzt geschieht, haben die Kommunisten selbst vorbereitet, es ist das Ergebnis ihres drei Jahre dauernden blutigen Werkes der Zerstörung. Die Briefe aus den Dörfern sind voll mit Klagen und Flüchen auf die Kommunisten. Unsere aus dem Urlaub zurückgekehrten Kameraden haben uns zornig und empört von den Greueltaten der Kommunisten in ganz Rußland erzählt. Und schließlich haben wir es auch selbst gemerkt, gesehen und gehört, was um uns herum geschehen ist. Aus allen Richtungen kommt ein großes, bedrückendes Wehklagen aus den Dörfern und Städten des unermeßlich weiten Rußland zu uns, das uns empört und uns dazu gebracht hat, unsere Hand zu erheben.

Wir wollen nicht zurück zum alten. Wir sind keine Lakaien der Bourgeoisie, wir sind keine Mietlinge der Entente. Wir sind für die Herrschaft der Werktätigen, aber nicht für eine tyrannische Gewalt ohne Schranken irgendeiner einzelnen Partei.

In Kronstadt befindet sich kein Koltschak, kein Denikin und auch kein Judenitsch. In Kronstadt regiert das werktätige Volk.

Die Vernunft und das Gewissen der einfachen Kronstädter Matrosen, Rotarmisten und Arbeiter haben letztlich den Weg, die Worte gefunden, die uns aus der Sackgasse herausführen werden und welche die zaristische Generäle nicht finden konnten.

Die Kommunisten haben dies sehr wohl begriffen, aber sie versuchen, aus unserem Aufstand eine weißgardistische Verschwörung zu machen, weil sie Zwietracht säen wollen um ihre eigene Haut retten.

Dies wird ihnen aber nicht gelingen.

Anfangs wollten wir unseren Weg friedlich gehen, aber die Kommunisten wollten nicht weichen. Schlimmer als Nikolaus klammern sie sich an die Macht und sie sind bereit, ganz Rußland im Blut zu ertränken, wenn sie nur weiter ungehemmt herrschen können.

Und jetzt hetzt der blutgierige Trotzki, dieser böse Geist Rußlands, unsere Kinder, eure Brüder, auf uns, deren Leichen zu Hunderten auf dem Eis vor der Festung Kronstadt liegen. Bereits seit vier Tagen tobt der Kampf, vier Tage feuern die Kanonen, fließt das Blut der Brüder. Bereits seit vier Tagen schlagen die Helden von Kronstadt alle Überfälle siegreich zurück.

Kronstadt steht und ist nicht zu erschüttern. Wie ein Mann sind alle entschlossen, lieber zu sterben als zu weichen.

Wie ein Geier kreist Trotzki über unserer heldenhaften Stadt, aber er wird sie nicht besetzen. So stark ist sein Arm nicht.

Unsere Feinde kämpfen nur mit Kadetten, Abteilungen von Kommunisten und betrogenen Truppen, die von weit her geholt wurden und mit Maschinengewehren im Rücken vorwärtsgetrieben werden.

Die Rotarmisten rebellieren und laufen zu uns über. Die Kommunisten bleiben unter sich; sie sind gezwungen, Abteilungen aus den Henkern der Tscheka zu bilden, aus den Helden der Kontrollabteilungen und ähnlichen Schurken.

Die Petrusse beginnen schon das Verleugnen, bald werden sich die Judasse erhängen.

Genossen Arbeiter! Kronstadt kämpft für euch, für die Hungernden, Frierenden und schlecht Gekleideten!

Solange die Bolschewiki herrschen, werdet ihr nie bessere Zeiten sehen. Seit drei Jahren ernähren sie euch mit erfrorenen Kartoffeln, schlechten Heringen und Versprechungen, doch das Leben wird immer schlimmer und schlimmer.

Ihr aber ertragt alles geduldig.

Aber sagt, in wessen Namen? Wirklich nur dafür, daß die Kommunisten im Überfluß leben und sich die Kommissare mästen?! Oder glaubt ihr ihnen vielleicht noch?

Sinowjew hat auf der erweiterten Sitzung des Petrograder Sowjets ausgerechnet, auf der er von den Millionen in Gold berichtete, die für den Ankauf von Lebensmitteln bewilligt wurden, daß für jeden Arbeiter 50 Rubel ausgegeben werden.

Während der alte Gutsbesitzer, der Anhänger der Leibeigenschaft, seine Sklaven für tausend Assignaten verkaufen wollte, will Sinowjew den Petrograder Arbeiter für 50 Rubel kaufen. Das ist der Preis, Genossen, den euer Kopf an der bolschewistischen Börse wert ist.

Aber wir sind überzeugt, daß unsere Feinde mit solchen Tricks nur die Arbeiter übertölpeln, die kein Klassenbewußtsein haben und rückständig sind; jedoch wird kein Gold der Welt reichen, um ehrliche und mutige Werktätige zu kaufen.

Zögert nicht!

Brecht die Ketten der verhaßten neuen Leibeigenschaft!

Genossen Bauern! Mehr als alle anderen hat die kommunistische Regierung euch betrogen und geplündert. Wo ist denn das Land, das ihr den Gutsbesitzern entrissen habt, von dem ihr seit Jahrhunderten träumt? Es wurde den Kommunen übergeben oder von den Sowchosen vereinnahmt, und ihr schaut in eure leere Hände. Euch hat man alles genommen, was man nur irgend nehmen konnte. Ihr seid ausgesetzt, der vollständigsten Ausplünderung. Ihr seid ausgezehrt vom bolschewistischen Frondienst. Mit knurrendem Magen, zum Schweigen gezwungen, nackt und bloß zwingt man euch, ohne Murren den Willen der neuen Herren zu auszuführen.

Genossen, die Kronstädter haben das Banner des Aufstandes aufgehoben und sind überzeugt, daß Millionen und aber Millionen Arbeiter und Bauern ihrem Ruf folgen werden.

Es ist ausgeschlossen, daß die Morgenröte, die hier begonnen hat, nicht zum hellen Tag für ganz Rußland wird.

Es ist ausgeschlossen, daß das Kronstädter Beben nicht ganz Rußland und vor allem Petrograd zusammenfahren läßt und zum Aufstand führen wird.

Unsere Feinde haben die Gefängnisse mit Arbeitern gefüllt, aber noch sind viele mutige und ehrliche Arbeiter in Freiheit. Erhebt euch, Genossen, für den Kampf gegen die kommunistische Autokratie!

Die Stufen der Revolution

Bereits vier Jahre sind vergangen, seit das dreihundert Jahre alte Joch der Autokratie brach.

Das unterjochte Volk, das von den Gendarmen und der Polizei von Nikolaus bevormundet wurde, stieß den verfaulten Thron des Zaren um.

Ganz Rußland, reich und arm, freute sich über die Freiheit.

Die Kapitalisten und Gutsbesitzer waren zufrieden, weil sie endlich noch mehr in ihre Taschen stecken konnten, ohne mit dem Zaren und seinen Vasallen teilen zu müssen, indem sie wie immer die Arbeiter und Bauern um die Früchte ihrer Arbeit betrogen.

Sie hofften, sich im Nacken der Werktätigen festzusetzen, nachdem sie die Werktätigen mit der Verfassunggebenden Versammlung betrogen, auf die Kerenski langsam aber sicher zusteuerte.

Die Bourgeoisie war sich sicher, daß sie auch weiter die Bauern und Arbeiter rupfen könnte.

Unerfahrene Bauern und Arbeiter wollten auch die Konstituierende Versammlung, ohne zu ahnen, was dies für die Werktätigen bedeutet.

Die Losung der Konstituierenden Versammlung beherrschte Rußland.

Dies war nur vorübergehend. Aber der Bauer stand wieder am Anfang und wartete, wann die Konstituierende Versammlung wohl über die Landfrage entscheiden werde; der Arbeiter wurde aber weiter kräftig ausgebeutet. Wie vorher hatte er kein Recht auf die Früchte seiner Arbeit.

Endlich begriffen die Werktätigen von Rußland, daß sie der Ausbeutung des Gutsbesitzers und des Kapitalisten nicht entronnen waren und daß ihnen eine neue Sklaverei bevorstand: die Herrschaft der Bourgeoisie.

Die Geduld ist zu Ende, und im vereinten Sturm der Matrosen, der Soldaten und der Arbeiter und Bauern wurde die Bourgeoisie im Oktober 1917 geschlagen.

Es schien, das werktätige Volk würde nun sein Recht erlangen.

Aber die kommunistische Partei, voller Egoisten, ergriff die Macht, nachdem sie die Bauern und Arbeiter weggedrängt hatte, in deren Namen sie handelte. Die kommunistische Partei beschloß, das Land mit Hilfe ihrer Kommissare zu beherrschen, nach dem Vorbild eines von den Gutsbesitzern beherrschten Rußland.

Drei Jahre lang stöhnten die Werktätigen Sowjetrußlands in den Folterkammern der Tscheka. Überall befiehlt ein Kommunist über Arbeiter und Bauern.

Eine neue kommunistische Knechtschaft begann. Der Bauer wurde Knecht der Sowchosen, der Arbeiter Lohnabhängiger der staatlichen Fabrik. Die schaffende Intelligenz verschwand. Wer versuchte zu protestieren, den folterte die Tscheka. Man machte kurzen Prozeß mit denen, die sich weiter auflehnten. Sie wurden erschossen.

Eine erstickende Atmosphäre. Sowjetrußland wurde zu einem großen Zuchthaus.

Unruhen der Arbeiter und Aufstände der Bauern zeigten aber, daß ihre Geduld am Ende war. Der Aufstand der Werktätigen kam näher. Es kam zu dem Punkt, an dem die Herrschaft der Kommissare umgestürzt werden mußte.

Als wachsamer Wächter über die Errungenschaften der sozialen Revolution verschlief Kronstadt diesen Moment nicht. Schon in der Februarrevolution und in der Oktoberrevolution stand es in den ersten Reihe. Jetzt erhob als erstes Kronstadt das Banner des Aufstandes für die Dritte Revolution der Werktätigen.

Die Autokratie fiel. Die Konstituierende Versammlung verschwand ins Reich der Legenden.

Auch die Herrschaft der Kommissare wird verschwinden. Die Zeit der wirklichen Herrschaft der Werktätigen, der wirklichen Herrschaft der Sowjets ist angebrochen.

Ihr seid gefallen, als Opfer im großen Kampf.

Eure unvergeßlichen Namen bleiben im werktätigen Volk im edlen Andenken, für dessen Glück ihr gefallen seid.

In der Schlacht habt ihr nicht an euch gedacht.

Als Kämpfer einer Idee seid ihr nicht gewichen, vor der Bande der Tyrannen.

Ihr seid die ersten Opfer der Dritten Revolution, der Revolution der Arbeiter; ihr gebt ein Beispiel für einen festen Stand im Kampf für die eigenen Rechte.

"Siegen oder sterben" war eure Losung. Ihr seid gefallen.

Wir, die wir leben, werden euren Kampf zum Ende führen.

Wir geloben an euren frischen Gräbern, zu siegen oder neben euch begraben zu werden.

Die Morgenröte der endgültigen Befreiung der Werktätigen ist bereits angebrochen.

Was uns die Kommune gebracht hat

"Genossen, wir werden für uns ein neues, schönes Leben aufbauen", so sagten und schrieben die Kommunisten. "Wir werden diese Welt voller Gewalt zertrümmern und uns ein helles, sozialistisches Paradies bauen", so sangen sie es dem Volke vor.

Was kam dabei heraus?

Die besten Häuser und Wohnungen belegen Ämter und deren Abteilungen, und ihre Bürokraten leben darin warm und bequem. Die Zahl der Wohnungen wurde dadurch geringer, und die Arbeiter wohnen dort, wo sie schon immer gewohnt haben, nur auf viel weniger Raum und viel ärmlicher. Die Häuser verfallen, die Öfen heizen nicht mehr, zerbrochene Fensterscheiben bleiben, die Dächer rosten und können jederzeit lecken, die Zäune zerfallen, die Hälfte der Wasserleitungen ist nicht benutzbar, die Toiletten können nicht mehr benutzt werden; in den Wohnungen wächst der Müll; die Bürger verrichten ihre Notdurft in fremden Höfen. Die Stiegen werden nicht beleuchtet und sind schmutzig, die Höfe voll Dreck, die Tonnen und Gruben für den Müll quellen über. Die Straßen sind schmutzig, die Bürgersteige werden nicht geräumt und sind glatt. Es ist gefährlich, auf ihnen zu gehen.

Um an eine Wohnung zu kommen, muß man Beziehungen zu der Abteilung für Wohnungsfragen haben, sonst ist nicht daran zu denken. Nur Privilegierte haben große, bequeme Wohnungen.

Noch schlechter sieht es mit der Lebensmittelversorgung aus. Verantwortungslose und unfähige Funktionäre haben Hunderttausende Lebensmittel verderben lassen. Kartoffeln werden nur gefroren verteilt; das Fleisch ist im Frühjahr und im Sommer immer verdorben. Früher bekamen nicht einmal Schweine das, was heute die Bürger von den Erbauern des "Paradieses" auf Erden erhalten.

Der erhabene sowjetische Fisch (der Hering) hat bis jetzt die Lage gerettet, aber auch ihn gab es in letzter Zeit nicht mehr.

Für diese armseligen Happen mußten wir auch noch stundenlang anstehen.

Die sowjetischen Läden waren noch schlimmer als die alten traurigen Betriebsläden, in denen die Herren Fabrikanten ihren Schund losschlugen und die versklavten Arbeiter nichts dagegen sagen durften.

Um das Familienleben zu zerstören, haben unsere neuen Herren die Gemeinschaftskantinen eingeführt ... Und was kam dabei heraus?

Noch schlechter war das Essen in den Kantinen. Die Lebensmittel wurden gestohlen, und die Bürger bekamen, was übrigblieb. Etwas besser ging es mit der Verpflegung der Kinder. Aber auch das, was die Kinder bekamen, reichte nicht, vor allem hatten sie nicht genug Milch. Die Kommunisten haben seinerzeit der arbeitenden Bevölkerung jedes zweite Stück Vieh für ihre eigenen Güter genommen. Die Hälfte des Viehs haben sie krepieren lassen. Die Milch der übriggebliebenen Kühe aber floß zuerst für die Verwalter und Angestellten, und was übrigblieb bekamen die Kinder.

Am schlimmsten aber war es bei Kleidung und Schuhen. Getragen wurde nur, was aus früheren Zeiten noch als Reserve vorhanden war. Wenn irgend etwas verteilt wurde, dann nur sehr wenig ( zum Beispiel werden jetzt in einer Gewerkschaft Knöpfe ausgegeben: 1,5 Knöpfe pro Person. Ist das nicht zum lachen?). Ganz besonders schlecht steht es um die Schuhe. Wenn der Weg ins kommunistische Paradies auch nur kurz ist, so kann man ihn doch nicht barfuß gehen.

Gleichzeitig gab es Kanäle, in die alles floß, was gebraucht wurde. Menschen, die zur Peko Beziehungen hatten, und unsere Herrscher hatten alles. Sie haben eigene Kantinen und Rationen, und zu ihrer Verfügung stand das Amt für Bezugsscheine, das die Waren nach Gunst der Kommissare verteilte.

Aber die Menschen haben erkannt, daß die "Kommune" jede produktive Arbeit unterhöhlt und schließlich zunichte macht. Jede Freude und jedes Interesse an der Arbeit verschwand. Die Schuster, Schneider, Klempner usw., die früher selbständig gearbeitet hatten, ließen alles liegen und gingen alle wer weiß wohin: zur Hafenpolizei, zur Wache und in verschiedene Hafendienste.

So sieht das Paradies aus, das die Bolschewiki errichten.

An die Stelle des alten Regimes ist ein neues Regime der Willkür getreten, der Frechheit, der "Freundschaft", des Despotismus, des Diebstahls und der Spekulation - ein furchtbares Regime, unter dem der Mensch gezwungen ist, für jedes Stück Brot, für jeden Knopf der Regierung die Hand hinzustrecken, und unter dem der Mensch sich selbst nicht mehr gehört und über sich selbst nicht mehr verfügen darf. Ein Regime der Sklaverei und der Erniedrigung.

Das ist die Hölle, in der wir drei Jahre gelebt haben, doch das dicke Ende kommt erst noch.

Sozialismus mit Anführungszeichen

Als die Matrosen, Rotarmisten, Arbeiter und Bauern den Oktoberumsturz ausführten, vergossen sie ihr Blut für die Herrschaft der Sowjets, für die Errichtung einer Republik der Werktätigen.

Die kommunistische Partei hatte die Stimmung der Massen studiert und schrieb verlockende Losungen auf ihre Transparente, die die Werktätigen aufwiegelten, und sie mit sich riß, indem sie versprach, die Werktätigen in das strahlende Reich des Sozialismus zu führen, das nur die Bolschewiki errichten könnten.

Natürlich durchdrang die Arbeiter und Bauern eine grenzenlose Freude. Sie dachten, nun endlich werde die Sklaverei unter dem Joch der Gutsbesitzer und Kapitalisten nur noch im Geschichtsbuch zu finden sein. Es schien, auf dem Lande, in den Fabriken und Werkstätten sei das Zeitalter der freien Arbeit angebrochen. Es schien so, als sei die ganze Macht in die Hände der Werktätigen übergegangen.

Durch eine gerissene Propaganda wurden die Söhne des werktätigen Volkes in die Partei eingereiht und dort an eine strenge Disziplin gefesselt. Als sich die Kommunisten dann stark genug fühlten, beseitigten sie Schritt für Schritt erst alle anderen Sozialisten, und stießen zum Schluß die Arbeiter und Bauern selbst vom Steuerrad des Staatsschiffes weg, gaben aber weiter vor, das Land in deren Namen zu regieren.

Die Kommunisten nutzten ihre gestohlene Macht für die Vormundschaft durch ihre Kommissare und für die Willkür über Leib und Seele der Bürger Sowjetrußlands. Sie begannen, gegen den gesunden Menschenverstand und gegen den Willen der Werktätigen, statt eines freien Reiches der Werktätigen, mit ihren Sklaven den Staatssozialismus aufzubauen.

Nachdem sie die "Arbeiterkontrolle" über die Produktion fallen ließen, nationalisierten die Bolschewiki die Betriebe und Fabriken. Der Arbeiter wurde aus einem Sklaven des Kapitalisten zu einem Sklaven der Staatsbetriebe. Aber auch das reichte bald nicht mehr. Man hatte vor, bei der Arbeit das Antreibersystem einzuführen, das Taylor-System.

Alle werktätigen Bauern wurden zum Volksfeind erklärt, die zu den Kulaken zählen würden. Raffinierte Kommunisten schritten zur Zerstörung und begannen neue Sowjetwirtschaften anzulegen, Höfe des neuen Gutsbesitzers, des Staates. Das ist alles, was die Bauern statt freier Arbeit auf befreitem Boden vom bolschewistischen Sozialismus erhalten.

Als Ausgleich für das Brot, das fast völlig beschlagnahmt wurde, und für die weggenommenen Kühe und Pferde gaben die Tschekisten Razzien und Erschießungen. Ein schöner Warenaustausch für einen Arbeiterstaat: für Brot gibt es Blei und Bajonette.

Das Leben der Bürger wurde todlangweilig, bürokratisch, ein Leben nach der Vorstellung der Machthaber. Statt der freien Entfaltung der Persönlichkeit, statt eines freien Arbeitslebens kam es zu einer unvorstellbaren, noch nie dagewesenen Sklaverei. Alles freie Denken, jede berechtigte Kritik an den Taten des verbrecherischen Regimes wurde zum Verbrechen erklärt und mit Gefängnis bestraft und nicht selten sogar mit Erschießung.

Im "sozialistischen Vaterland" brach die Blütezeit der Todesstrafe an, diesem Schandmal der Menschenwürde. Das ist das strahlende Reich des Sozialismus, in das uns die Herrschaft der kommunistischen Partei führte. Wir haben einen Staatssozialismus bekommen mit Sowjets, die von Beamten beherrscht werden, welche gehorsam für alles stimmen, was ihnen von den unfehlbaren Kommissaren der Parteikomitee befohlen wird.

Die Losung "Wer nicht arbeitet, soll nicht essen" wurde vom neuen "Sowjet"-System umgedreht: alles für die Kommissare; für die Arbeiter, Bauern und die schaffende Intelligenz bleibt die Atmosphäre eines Gefängnisses bei quälender beharrlicher, düsterer Arbeit.

Das war nicht mehr zu ertragen, und im Kampf für einen anderen Sozialismus, für eine Sowjetrepublik der Arbeiter, wo der Hersteller selber über die Produkte seiner Arbeit bestimmt und sie verwaltet, hat das revolutionäre Kronstadt als erstes die Ketten und die Eisengitter unseres Gefängnisses zerbrochen.

Erklärung der Matrosen von Kronstadt (Auszug): Ende

 

 

 

 

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