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Chruschtschow Geheimrede über Stalinismus

Chruschtschow Geheimrede. Über den Personenkult und seine Folgen.

Am 25.02.1956 vor dem zwanzigsten Parteitag

Auszug

Über Stalins Verdienste wurde noch zu seinen Lebzeiten eine völlig ausreichende Anzahl von Büchern, Broschüren, Studien verfaßt. [...] Es sei mir erlaubt, Sie vor allem daran zu erinnern, wie streng die Klassiker des Marxismus-Leninismus jegliche Erscheinung von Personenkult verurteilten. [...] Noch in den Jahren vor der Revolution bezeichnete Lenin das Zentralkomitee der Partei als ein Kollektiv von Führern, als einen Wächter und Interpreten der Parteidisziplin. [...] Stalins negative Eigenschaften, die zu den Zeiten Lenins erst im Keime vorhanden waren, entwickelten sich während der letzten Jahre zu einem schweren Mißbrauch der Macht, was unserer Partei unermeßlichen Schaden zufügte. [...] Beachtung verlangt der Umstand, daß sogar im Verlauf des erbitterten ideologischen Kampfes gegen die Trotzkisten, Sinowjewleute, Bucharinleute und andere keine extrem repressiven Mittel angewandt wurden. Der Kampf vollzog sich auf auf ideologischem Boden. Doch nach Ablauf einiger Jahre, ..., als die ideologischen Gegner der Partei schon seit langem politisch zerschlagen waren, da begannen gegen sie die Repressalien. [...] Stalin führte den Begriff "Volksfeind" ein. Dieser Terminus befreite umgehend von der Notwendigkeit, die ideologischen Fehler eines oder mehrerer Menschen, gegen die man polemisiert hatte, nachzuweisen. [...] Man muß feststellen, daß es gegenüber denjenigen, die seinerzeit gegen die Parteilinie auftragen, oft keine ausreichend ernsthaften Grundlagen gab, um sie physisch zu vernichten. [...] Massenverhaftungen und Deportationen vieler tausend Menschen, Vollstreckungen ohne Gerichtsurteil und ohne normale Untersuchung riefen einen Zustand der Unsicherheit und der Furcht, sogar der Verzweiflung hervor. [...] Bestand denn die Notwendigkeit der physischen Vernichtung dieser Menschen? Wir sind zutiefst überzeugt, hätte Lenin gelebt, wäre ein so extremes Mittel gegenüber vielen von ihnen nicht angewandt worden. [...] Stalin allerdings wandte extremste Mittel, Massenrepressalien noch dann an, als die Revolution gesiegt, der Sowjetstaat sich gefestigt hatte, als die Ausbeuterklassen bereits liquidiert worden waren ... [...] Es spricht für sich, daß während all der Jahre des Großen Vaterländischen Krieges praktisch kein einziges Plenum des ZK stattfand. [...] Festgestellt wurde, daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees, die auf dem XVII. Parteitag gewählt worden waren, 98 Personen, d. h. 70 Prozent, verhaftet und erschossen wurden. [...] Man muß feststellen, daß die Umstände der Ermordung des Gen. Kirow bislang in sich viele unverständliche und rätselhafte Fragen bergen und gründlichste Untersuchungen verlangen. [...] Eingebürgert hatte sich die verbrecherische Praxis, im NKWD Listen derjenigen Personen anzufertigen, deren Fälle der Erörterung durch das Militärkollegium unterlagen und für die von vornherein das Strafmaß festgelegt wurde. Diese Listen übermittelte Jeschow an Stalin persönlich, damit er die vorgeschlagenen Strafen bestätigte. [...] Die Massenrepressalien hatten einen ungünstigen Einfluß auf den politisch-moralischen Zustand der Partei, brachten Unsicherheit hervor, trugen zur Verbreitung krankhaften Argwohns bei, säten gegenseitiges Mißtrauen zwischen den Kommunisten. Verleumder und Karrieristen aller Art erhielten Auftrieb. [...] Stalin war ein sehr mißtrauischer Mensch mit krankhaftem Argwohn, wovon wir, die wir mit ihm arbeiteten, uns überzeugen konnten. [...] Stalin war von einem Verständnis für die reale Situation an den Fronten weit entfernt. [...] Um so schändlicher war die Tatsache, daß nach unserem großen Sieg über den Feind, der uns so teuer kam, Stalin viele Heerführer, die keinen geringen Anteil an diesem Sieg hatten, zu vernichten begann, um jegliche Möglichkeit auszuschließen, die an den Fronten errungenen Erfolge irgend jemand anderem als ihm selbst zuzuschreiben. [...] Die Rede ist von der Massenumsiedlung ganzer Völker aus ihren heimatlichen Orten, darunter auch aller Kommunisten und Komsomolzen ohne jede Ausnahmen, wobei derartige Aussiedlungsaktionen durch keinerlei militärische Beweggründe diktiert waren. [...] Es reichte ein solcher Brief, damit Stalin sofort den Schluß zog, daß es in der Sowjetunion eine Verschwörung von Ärzten gibt, und er erteilte die Weisung, eine Gruppe hervorragender Spezialisten der sowjetischen Medizin zu verhaften. [...] Stalin persönlich berief den Untersuchungsrichter, erteilte ihm Instruktionen, ordnete die Untersuchungsmethoden an, und diese Methoden bestanden in dem einen: schlagen, schlagen und noch einmal schlagen. [...] Man darf auch nicht daran vorbeisehen, daß infolge der zahlreichen Verhaftungen von Partei-, Sowjet- und Wirtschaftsfunktionären viele unserer Mitarbeiter ängstlich zu arbeiten begannen, übermäßige Vorsicht an den Tag legten, sich vor allem Neuen, ja vor dem eigenen Schatten fürchteten, daß sie weniger Initiative in der Arbeit zu zeigen begannen. [...] Das Land und die Landwirtschaft kannte er nur aus Filmen. [...] Woran wird bei uns manchmal Autorität und Bedeutung dieses oder jenes Führers gemessen? Daran, daß soundso viele Städte, Industriebetriebe und Fabriken, so viele Kolchosen und Sowchosen nach ihm benannt wurden.

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