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Bucharin im Gefängnis: Brief an Stalin

 

Bucharin im Gefängnis: Brief an Stalin

Bucharin schreibt im Gefängnis einen Brief an Stalin, ohne zu wissen, dass dies sein letzter Brief an Stalin sein wird.

Bucharins letzter Brief an Stalin

10. Dezember 1937

STRENG GEHEIM

PERSÖNLICH

Es ist niemand gestattet, diesen Brief ohne ausdrückliche Genehmigung durch J. W. Stalin zu lesen.

An J. W. Stalin, 7 Seiten + 7 Seiten Memorandum

Jossif Wissarjonowitsch:

Dies ist vielleicht der letzte Brief, den ich Dir vor meinem Tode schreibe. Aus diesem Grunde, obwohl ich ein Gefangener bin, bitte ich Dich, mir zu erlauben, diesen Brief freundschaftlich an Dich zu richten, um so mehr, als er an Dich persönlich gerichtet ist. Die Tatsache der Existenz oder Nichtexistenz dieses Briefes liegt alleine in Deinen Händen. Ich habe die letzte Seite meines Dramas und vielleicht meines Lebens erreicht. Ich war in Agonie, ob ich Füller und Papier zur Hand nehmen sollte - während ich dies schreibe, zittere ich am ganzen Körper aus Unruhe, und die Tausende von Gefühlen, die in mir sind, kann ich kaum kontrollieren. Aber gerade, weil ich so wenig Zeit übrig habe, möchte ich von Dir Abschied nehmen, bevor es zu spät ist, bevor meine Hand zu schreiben aufhört, bevor sich meine Augen schliessen, solange mein Verstand noch irgendwie funktioniert. Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich Dir als erstes sagen, dass, insoweit es die gesamte (Gesellschaft) angeht, a) ich das, was ich geschrieben habe, keinesfalls widerrufen möchte, b) in diesem Sinne (oder in diesem Zusammenhang) es nicht meine Absicht ist, Dich zu fragen oder Dich um irgend etwas anzuflehen, was den Verlauf meines Falles und dessen Richtung beeinflusst. Ich schreibe Dir, um Dich persönlich zu informieren, denn ich kann diese Welt nicht verlassen, ohne Dir diese letzten Zeilen zu schreiben, da Du Bescheid wissen solltest, welche Qualen mich gefangen halten.

1) Am Rande des Abgrunds stehend, von dem es keine Rückkehr gibt, gebe ich Dir in Erwartung meines Todes mein Ehrenwort, dass ich der Verbrechen unschuldig bin, die ich bei der Untersuchung zugegeben habe.

2) Während ich alles im Geiste nochmals an mir vorüberziehen lasse - soweit ich kann -, kann ich dem, was ich bereits vor dem Plenum bereits sagte, nur hinzufügen:

a) Ich hörte einmal jemanden sagen, irgend jemand habe etwas geschrien. Es erschien mir, als wäre es Kuzmin gewesen; ich habe dem nie eine Bedeutung beigemessen - es kam mir auch nie in den Sinn;

b) erst hinterher erfuhr ich von Aikhenvald während wir auf der Strasse gingen, von einer Konferenz, über die ich nichts wusste (noch wusste ich etwas über die Rjutin-Plattform) ("die Bande traf sich, und es wurde ein Bericht vorgelesen") - oder Ähnliches. Ich hab diese Tatsache verschwiegen, da ich für die "Bande" Mitleid empfand.

c) Ich war ebenfalls schuldig, im Jahr 1932 in ein Doppelspiel mit meinen "Anhängern" verwickelt zu sein. Ich glaubte dabei, dass ich sie für die Partei zurückgewinnen könnte, ansonsten hätte ich sie von der Partei ferngehalten. Das war Alles zu dieser Angelegenheit. Mein Gewissen wird mit dieser Aussage reingewaschen. Alles Andere hat nie stattgefunden, beziehungsweise hatte ich keinerlei Ahnung davon. Vor dem Plenum sagte ich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, aber keiner glaubte mir. Hier und in all den vergangenen Jahren habe ich immer die ganze Wahrheit gesagt. Ich habe ehrlich und aufrichtig die Parteilinie vertreten, und ich habe gelernt, Dich zu schätzen und zu lieben.

3. Ich fand keinen "Ausweg", als den, die Anschuldigungen und Zeugenaussagen anderer zu bestätigen und sie auszuarbeiten. Sonst hätte es so ausgesehen, als ob ich mich nicht "entwaffnet" hätte.

4. Abgesehen von den merkwürdigen Faktoren und von dem in 3. aufgeführten Argument habe ich mehr oder weniger die folgende Vorstellung von unserem Land. Da gibt es etwas Grosses und Mutiges um die politische Idee einer allgemeinen Säuberung. Sie steht in Verbindung a) mit der Vorkriegslage und b) mit dem Übergang zur Demokratie. Die Säuberung betrifft 1) Beschuldigte, 2) Personen unter Verdacht, 3) potentielle Verdachtspersonen. All dies hätte ohne mich nicht bewältigt werden können. Manche sind auf die eine Weise, andere auf die andere Weise, und wieder andere auf die dritte Art unschädlich gemacht worden. Was hier als selbstverständlich angesehen werden kann, ist die Tatsache, dass unausweichlich die Leute übereinander sprechen, und somit ein andauerndes Misstrauen gegeneinander aufbringen. (Hier urteile ich aus meiner eigene Erfahrung. Wie habe ich gegen Radek gewettert, der mich besudelt hat, um dann selbst in seine Fussstapfen zu treten...) Auf diesem Weg erreicht die Führung eine volle Garantie für sich selbst. Um Gottes Willen, glaube nicht, dass ich mich hier in Vorwürfe verstricke! Auch in meinen innersten Gedanken wurde ich nicht gestern geboren. Ich weiss allzu gut, welche grossen Pläne, grossen Ideen und grossen Interessen Vorrang über alles haben. Und ich weiss, dass es von meiner Seite aus kleinkariert wäre, meine Person über die universalhistorische Aufgabe, die auf deinen Schultern, lastet zu stellen. Aber hier fühle ich die gewaltigste und tiefste Agonie und stehe vor einem wesentlichen Paradox.

5. Wenn ich mir ganz sicher wäre, dass Deine Gedanken diesen Weg mit mir gehen, wäre ich im Frieden mit mir. Gut, wenn es so sein muss, dann soll es so sein! Aber glaube mir, mein Blut kocht, wenn ich denke, dass Du mich dieser Verbrechen schuldig glaubst, und dass Du tief in Deinem Herzen denkst, ich sei dieser Greultaten schuldig. Falls ja, was würde das bedeuten? Wird es sich herausstellen, dass ich am Verlust vieler Menschen schuldig war (einschliesslich meiner selbst) - das heisst, dass ich wissentlich etwas Übles begangen habe?! In diesem Fall können solche Aktivitäten nie gerechtfertigt werden. Mir ist schwindlig von dem Durcheinander, und ich möchte herausschreien. In fühle, ich möchte meinen Kopf gegen die Wand schlagen, denn dann wäre ich schuld am Tode anderer. Was kann ich tun, was kann ich tun?

6. Ich habe keine feindseligen Gefühle gegen irgend jemand, noch bin ich bitter. Ich bin kein Christ. Aber ich habe meine Zweifel. Ich glaube, dass ich unter der Vergeltung für die Jahre leide, in denen ich wirklich eine Kampagne unternommen habe. Und wenn Du es wirklich wissen willst, mehr als alles Andere belastet mich eine Tatsache, die Du vielleicht vergessen hast. Einmal, wahrscheinlich im Sommer 1928, war ich bei Dir Zuhause, und Du sagtest zu mir: "Weisst Du, warum ich Dich als meinen Freund betrachte? Weil Du nicht fähig bist, zu intrigieren." Und ich antwortete: "Nein, das bin ich nicht." Zu dieser Zeit trieb ich mich mit Kamenew herum ("erste Begegnung"). Du kannst mir glauben oder nicht, aber diese Tatsache ist für mich wie die Ursünde für die Juden. Oh Gott, was war ich für ein Kind! Was für ein Narr! Und nun bezahle ich mit meiner Ehre und meinem Leben. Verzeih mir, Kola, ich weine, während ich schreibe. Ich brauche nichts mehr, und Du selbst weisst, dass ich mit meinem Schreiben die Lage nur verschlechtere. Aber ich kann einfach nicht stillhalten. Ich muss endgültig "Abschied" nehmen. Aus diesem Grund fühle ich keine Feindseligkeit, weder gegen die Führung noch gegen die Untersuchenden noch gegen andere. Ich bitte Dich um Verzeihung, obwohl ich bereits derart bestraft wurde, dass alles um mich verschwommen ist und Dunkelheit über mich kommt.

7. Während meiner Halluzinationen sah ich Dich mehrmals, und einmal auch Nadeschda Sergeevna. Sie näherte sich mir und sagte: "Was haben sie dir angetan, Nikolai Iwanowitsch? Ich werde Jossif bitten, dich hier herauszuholen." Das war alles so realistisch, dass ich fast aufspringen und einen Brief schreiben und Dich bitten wollte, mich hier herauszuholen! Die Wirklichkeit hat sich mit meinen Enttäuschungen vermischt. Ich weiss, dass Nadeschda Sergeevna nie glauben würde, dass ich üble Gedanken in Bezug auf Dich hege, und nichts in meinem Unterbewusstsein würde mir diese Illusion nehmen. Stundenlang haben wir geredet, Du und ich... Mein Gott, wenn ich nur einen einzigen Einfall hätte, der es Dir ermöglichen würde, meine geschundene, aufgerissene Seele zu sehen. Wenn Du nur sehen könntest, wie ich mit Leib und Seele an Dir hänge, nicht so wie gewisse Leute wie Stetsky oder Tal. Gut, so viel zur "Psychologie" - verzeih mir. Kein Engel wird hier erscheinen, um Abraham sein Schwert zu entreissen. Mein fatales Schicksal wird sich erfüllen.

8. Erlaube mir, zu meinem letzten kleineren Anliegen zu kommen.

a) Es wäre für mich tausendmal leichter, zu sterben, als die kommenden Prüfungen durchzustehen. Ich weiss nicht, ob ich zur Selbstkontrolle in der Lage wäre - Du kennst meine Natur. Ich bin kein Feind, weder der Partei noch der UdSSR. Und ich werde alles in meiner Kraft stehende tun, aber unter den gegebenen Umständen ist meine Macht zu gering, und tiefe Gefühle entstehen in meiner Seele. Ich würde auf meine Knie fallen, Scham und Stolz vergessen, und Dich anflehen: Lass mich dies nicht durchmachen. Aber wahrscheinlich ist es bereits zu spät. Ich würde Dich fragen, ob es möglich wäre, mich vor dieser Prüfung sterben zu lassen. Natürlich weiss ich, wie streng Du auf so etwas reagierst.

b) Sollte ich die Todesstrafe erhalten, so bitte ich Dich, ich flehe Dich an, bei allem, was Dir lieb ist, lass mich nicht erschiessen. Lass mich statt dessen in meiner Zelle Gift trinken. (Gib mir Morphium, damit ich einschlafen kann und nie wieder erwache). Für mich ist dieser Punkt ausserordentlich wichtig. Ich weiss nicht, mit welchen Worten ich Dich überzeugen kann, mir diesen Gnadenakt zu gewähren. Politisch wird es doch keinen Unterschied machen, und ausserdem wird es niemand erfahren. Lass mich meine letzten Minuten so verbringen, wie ich es mir wünsche. Hab Mitleid mit mir. Du wirst es verstehen - so gut wie Du mich kennst. Manchmal sehe ich dem Tod ins Angesicht, genauso wie ich weiss, dass ich fähig bin, mutig zu sterben. Es gibt aber Zeiten, zu denen ich, immer die gleiche Person, mich in einem solchen Konflikt befinde, dass ich aller Kraft beraubt bin. Wenn es das Todesurteil sein muss, lass mich Morphium haben, ich flehe Dich an.

  1. Erlaube mir, mich von meiner Frau und meinem Sohn zu verabschieden. Ich muss nicht auf Wiedersehen zu meiner Tochter sagen. Ich habe Mitleid mit ihr. Es wäre für sie zu schmerzlich. Es wäre auch zu schmerzlich für Nadja und meinen Vater. Andererseits ist Anna Larina sehr jung; sie wird es überleben. Ich würde gerne ein paar letzte Worte mit ihr tauschen. Ich bitte um Erlaubnis, sie vor der Verhandlung sehen zu dürfen. Die Gründe hierfür sind folgende: Sollte meine Familie erfahren, was ich gestanden habe, so würde sie eventuell Selbstmord begehen, weil es für sie so unerwartet käme.

Ich möchte sie irgendwie darauf vorbereiten. Ich glaube, das wäre auch im Interesse dieses Falles und seiner offiziellen Interpretation.

c) Sollte mir das Leben wider Erwarten geschenkt werden, so möchte ich um Folgendes bitten (obwohl ich das erst mit meiner Frau besprechen müsste):

Dass ich für eine unbestimmte Anzahl von Jahren nach Amerika ins Exil gehe. Meine Argumente sind: Ich würde selbst eine Kampagne zugunsten der Gerichtsverhandlungen führen und einen fürchterlichen Krieg gegen Trotzki beginnen. Ich würde eine grosse Anzahl unentschlossener Intellektueller gewinnen. Letztendlich würde ich ein Antitrotzkist werden und dieser Mission zielstrebig und mit vollem Eifer nachgehen. Du könntest einen Offizier und Sicherheitsexperten als zusätzliche Absicherung mit mir schicken, Du könntest meine Frau für sechs Monate zurückhalten, bis ich bewiesen habe, dass ich wirklich Trotzki und seine Gesellen niederstrecke, etc.

**) Solltest Du jedoch nur die geringsten Zweifel hegen, dann schicke mich in ein Lager in Pechora oder Kolyma ins Exil, auch wenn es für 25 Jahre ist. Ich könnte dort Folgendes auf die Beine stellen: Eine Universität, ein Museum der lokalen Kultur, technische Stationen usw., Institute, eine Gemäldegalerie, ein ethnografisches Museum, ein zoologisches und botanisches Museum, ein Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv. Um es kurz zu machen, mich dort mit meiner Familie bis zum Ende meiner Tage niederlassen um als Pionier der kulturellen Arbeit zu wirken.

Wie auch immer, ich erkläre mich hiermit bereit, wie ein Dynamo zu arbeiten, wohin auch immer ich geschickt werde.

Um jedoch die Wahrheit zu sagen: Ich habe keine Hoffnung auf all das. Alleine schon die Tatsache, die Direktive des Plenums von Februar zu ändern, spricht für sich selbst (und ich sehe nur allzu gut, dass es in allernächster Zeit zu einer Verhandlung kommen wird). Und so scheint es mir, dass dies meine letzten Forderungen sind (nur eine weitere Sache: Meine philosophische Arbeit, die ich hinterlasse - ich habe dort brauchbare Arbeit geleistet). Jossif Wissarjonowitsch! In mir hast Du einen Deiner fähigsten Generäle verloren, einen, der Dir aufrichtig ergeben war. Aber all das ist Vergangenheit. Ich kann mich gut erinnern, dass Marx einmal schrieb, dass Zar Alexander I. einen grossen Helfer in Barclay de Tolly verlor, nachdem dieser des Verrats bezichtigt wurde. Es ist bitter, über all dies nachzudenken. Jedoch bereite ich mich mental darauf vor, dieses Tal der Tränen zu verlassen, denn es gibt nichts in mir, was gegen Euch spricht in Bezug auf die Partei und die Sache, ausser einer grossen unendlichen Liebe. Ich habe alles menschenmögliche und -unmögliche getan. Ich habe Dir über alles geschrieben. Ich habe alles auf den i-Punkt genau gemacht. Ich habe all dies im Vorhinein gemacht, da ich keine Vorstellung habe, in welchem Zustand ich morgen sein werde und am Tag danach, etc. Da ich ein Neurasteniker bin, glaube ich, dass ich eine derart universelle Apathie empfinden werde, dass ich keinen Finger mehr werde bewegen können. Doch jetzt, trotz Kopfschmerzen und mit Tränen in den Augen, schreibe ich. Mein Gewissen ist rein Dir gegenüber, Koba. Ich bitte Dich ein letztes Mal um Vergebung (nur in Deinem Herzen, nicht anders). Aus diesem Grund umarme ich Dich in meinen Gedanken. Auf Wiedersehen für immer, und denke immer wohlwollend an Deinen unglücklichen

N. Bucharin

10. Dezember 1937

Bucharin im Gefängnis: Brief an Stalin: Ende

 

 

 

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